7 Tage Äthiopien – ein Land im Wandel

Im Rahmen eines Exposure- und Dialogprogramm war unsere Redakteurin Melissa Kohnen eine Woche in Äthiopien unterwegs. Über ihre Erlebnisse berichtet sie auf unserem Blog. Im zweiten Teil der Reportage berichtet sie über ihren Besuch in einer Textilfabrik der DBL Group.

Made in Ethiopia – immer mehr Textilien werden mit diesem Label versehen, denn in Äthiopien schießen die Industrieparks wie Pilze aus dem Boden, staatlich bezuschusst sollen sie den Wirtschaftsboom im Land weiter anheizen. Gelockt werden die Textilfirmen, die oft aus Bangladesch und China kommen, durch günstige Produktionsbedingungen und Steuererleichterungen von der äthiopischen Regierung, die die Industrialisierung im Land vorantreiben will. Kein Wunder also, dass die Textilproduktion in Äthiopien wächst und eine politische Diskussion über die Globalisierung, die Verlagerung von Textilproduktion nach Afrika und die jeweiligen Produktionsbedingungen in vollem Gange ist.

Auch die DBL Group aus Bangladesch betreibt seit knapp einem halben Jahr eine Produktion in der Nähe von Mek’elē. Als Teilnehmerin im Rahmen des Dialogaufenthalts darf ich hier einen Tag lang die Arbeit beobachten.

Das blaue Fabrikdach kann man schon von weitem sehen
Vom Dorf aus kann man das blaue Dach der Fabrik schon sehen.
Blick

Der Arbeitstag beginnt

Heute darf ich Alefu, die zweitälteste Tochter meiner Gastfamilie, in die Fabrik begleiten. Nach einem kurzen Frühstück, machen wir uns um kurz nach 7 Uhr auf den Weg. Vom Dorf aus können wir das nagelneue blaue Dach der Fabrik schon sehen

Und dennoch dauert der Fußweg bis zur Arbeit ungefähr 50 Minuten. Immer mehr Menschen aus den umliegenden Dörfern treffen wir auf unserem Weg und laufen gemeinsam zur Fabrik. Die DBL Group ist derzeit der einzige große Arbeitgeber in der Umgebung, langfristig sollen hier 5.000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Dass es in der Region nicht viele Jobalternativen gibt, sehen wir, als wir an der Fabrik ankommen.  Draußen sitzen einige Menschen, die warten und hoffen, in der Fabrik einen Job zu bekommen. Alefu erzählt mir, das hier fast jeden Morgen Arbeitssuchende  warten.

In der Fabrik angekommen, wechselt Alefu ihre Kleidung und wir gehen, zunächst zur Zeiterfassung und dann direkt an Alefus Arbeitsplatz in der Produktionshalle.. Im Hintergrund rattern die Maschinen schon regelmäßig. Die Halle ist in verschiedene Bereiche unterteilt, sogenannte Lines. In der Regel hat hier jede Arbeiterin  ihren festen Arbeitsplatz, deshalb steuern wir die Line 18 an, an der  Alefu als Qualitychecker arbeitet. In der nagelneuen Fabrik ist alles sauber und hell und ich bin positiv über den niedrigen Geräuschpegel. Auf den Produktionsbändern: weiße KiK Basic Shirts!

Die Arbeitsschritte müssen Hand in Hand gehen

Mit Beginn der Produktion läuft hier alles Hand in Hand: : Es gibt die Putzfrauen, die den ganzen Tag Stoffreste zusammenkehren, die Näherinnen an den Maschinen, die Qualitychecker und die Arbeiter*innen an den Packstationen. Am besten verdient, wer mehrere Nähmaschinen bedienen kann und somit einspringen kann, wenn jemand ausfällt.

Qualitychecker – ein Job, bei dem man viel in Bewegung ist

Meine Aufgabe heute ist, Alefu zu folgen und ihr über die Schulter zu schauen. . Schon nach wenigen Minuten merke ich, dass Qualitychecker viele Schritte am Tag zurücklegen. Wir laufen die Line 18 immer wieder auf und ab und kontrollieren, ob Säume und Nähte richtig zusammengenäht wurden. „Same-Same“ nennt sie das und meint, dass die Nähte immer genau auf gleicher Höhe sein müssen. Was nicht passt, muss wieder aufgemacht werden. Zu ihrem Job gehört auch eine detaillierte Dokumentation ihrer Arbeit.

Bis zum Mittag haben wir recht viele Qualitätsprobleme entdeckt. Das ist nicht erstaunlich, denn die Fabrik erst vor einigen Monaten eröffnet worden und die Näher und Näherinnen erhalten ihre Ausbildung als ein Training „on the job“. Das heißt, sie werden direkt ins kalte Wasser geworfen und müssen den jeweiligen Arbeitsschritt an der Maschine erlernen. „Die Produktivität der Fabrik ist deshalb auch noch sehr gering“, gibt Mohammed Zahidullah, der CSR-Manager der DBL Group zu. Hinzu kommen Versorgungsprobleme. Mal fällt der Strom aus oder es fehlen die richtigen Materialen. Eine Näherin, die ich beobachte, wartet beispielsweise über eine Stunde auf neue Labels, die sie dann anschließend in die Kleidungsstücke einnäht. „Das soll sich aber in den nächsten Monaten ändern“, bekräftigt Zahidullah. „Langfristig muss die Fabrik ihre Produktivität deutlich steigern, um rentabel arbeiten zu können.“ Als zur Mittagszeit der Strom ausfällt, bin ich also nicht verwundert.  Wie passend, dass alle Arbeiterinnen plötzlich aufstehen und sich richtig Ausgang bewegen. Alefu winkt mir zu und signalisiert, dass die Mittagspause angefangen hat. Gemeinsam laufen wir in den Speisesaal, wo wir unser mitgebrachtes Essen  genießen. Es gibt Injera und Shiro, was auch kalt prima schmeckt.

P1120061
P1120078

Warum ein Unternehmen aus Bangladesch in eine äthiopische Fabrik investiert

„Warum expandiert die DBL Group ausgerechnet nach Äthiopien?“ frage ich Mohammed Zahidullah, den CSR-Manager des Unternehmens nach der Mittagspause: „Es gibt verschiedene Gründe. Entscheidend jedoch ist, dass die Regierung Investoren unterstützt und unsere Waren steuerfrei nach Europa verschifft werden können. Dafür nehmen wir sogar die großen Herausforderungen in Kauf. Denn Äthiopien hat keinen direkten Hafenzugang. Die Waren müssen über Eritrea nach Deutschland verschifft werden. Zudem  gibt so viele kulturelle und sprachliche Unterschiede, die zu Missverständnisse zwischen unseren Managern und den Arbeitern führen,

Doch bei alledem findet Alefu, dass die Fabrik in der Nachbarschaft eine große Chance ist: „Ich habe einige Prüfungen nicht geschafft und musste deshalb die Schule verlassen. Durch die Arbeit in der Fabrik habe ich eine Perspektive bekommen. Mir bringen meinen Aufgaben hier Spaß. Auch wenn es gbt natürlich auch noch Verbesserungspotential gibt.“

Das sieht Mohammed Zahidullah von der DBL Group ähnlich: „Auf kurze Sicht möchten wir hier vor Ort natürlich weitere Job schaffen. Und darüber hinaus zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen. Dabei orientieren wir uns an den 17 SDG’s der Vereinten Nationen.. Gleichberechtigung  zwischen Mann und Frau ist hier beispielsweise ein großes Thema, aber auch für die medizinische Versorgung unserer Mitarbeiter und der lokalen Communities möchten wir Beiträge leisten.“

Bis zum Nachmittag sind Alefu und ich schon eine ordentliche Strecke gelaufen, haben eine Vielzahl an KiK-T-Shirts geprüft und können pünktlich um 17 Uhr Feierabend machen, um den einstündigen Nachhauseweg anzutreten. Ein langer Arbeitstag in Äthiopien geht zu Ende …