Ein Reisebericht: 7 Tage Äthiopien – ein Land im Wandel

Im Rahmen eines Exposure- und Dialogprogramms war unsere Redakteurin Melissa Kohnen eine Woche in Äthiopien unterwegs. Über ihre Erlebnisse berichtet sie nun hier auf unserem Blog. Im ersten Teil geht es um das Leben in der Familie in Äthiopien.

Ungefähr 30 Quadratmeter – aufgeteilt auf zwei Zimmer – stehen der 7-köpfigen äthiopischen Familie zur Verfügung. Darin befinden sich Küche, Wohn- und Schlafzimmer gleichzeitig. Im Hintergrund sind die Tiere zu hören, zwei Ochsen und ein Esel wohnen mit auf dem Hof.

Als ich ankomme, werde ich sehr neugierig gemustert, denn es ist eher ungewöhnlich, dass sich Fremde im Dorf aufhalten. In Äthiopien ist es ein besonders Zeichen von Gastfreundschaft, wenn man zu einer Kaffeezeremonie eingeladen wird. Die Zeremonie ist das wichtigste soziale Ereignis in den Familien und findet oft mehrmals am Tag statt. Ich fühle mich deshalb sehr geehrt, als ich wenig später mit meiner Gastfamilie um den kleinen Kohleofen Platz nehmen darf.

Unsere Redakteurin mit der Gastfamilie

Von Kaffeebohnen und lila Kühen

Tsego, eine der Töchter der Familie, beginnt mit der traditionellen Kaffeezeremonie. Diese ist übrigens das komplette Gegenteil von unserem Kaffee To Go, denn die Zubereitung des Kaffees erfordert vor allem Zeit, aber auch einiges an Muskelkraft. Die Bohnen werden zuerst geröstet, dann zerstoßen und schließlich auf dem kleinen Kohleofen aufgekocht. Nebenbei wird der Kohleofen mit einem kleinen Fächer angeheizt. Der Kaffee wird in kleinen Tassen serviert und dann langsam und mit viel Zucker getrunken.

Dieser Moment bringt mir auch eine Erkenntnis, die ich so schnell nicht vergessen werde. Oder hätten Sie gewusst, dass Kaffeebohnen vor dem Rösten eigentlich weiß sind? Auch als Stadtmensch ist mir sonst durchaus klar, dass Kühle nicht lila sind. Ich muss mir aber eingestehen, dass ich Kaffee bisher tatsächlich nur als fertiges Endprodukt gesehen habe. (Falls Sie es auch nicht wussten – Kaffeebohnen können auch grün sein.)

Wie Wasser zum Luxusgut wird

Dass es in dem Haus meiner Gastfamilie keine Duschen geben würde, darauf war ich bereits eingestellt. Unser Übersetzer Sanei rückt aber das Thema allerdings nochmal in den richtigen Kontext: „Die Familie hat einen Wasseranschluss direkt im Hof, das ist nicht der Standard. Andere im Dorf müssen mit ihren Wasserkanistern sehr weit laufen und dann an der Wasserstelle warten. Nur bestimmte Personen sind dazu berechtigt das Wasser auszugeben. Wer Glück hat, kann das Wasser mit einem Esel transportieren, wer sich das nicht leisten kann, muss schleppen.“

Zum Vergleich: Laut Statistiken verbrauchen wir in Deutschland mit einer einzigen Dusche rund 60 Liter Wasser. In Schätzungen wird davon ausgegangen, dass äthiopischen Familien ungefähr 20 bis 30 Liter Wasser am gesamten Tag zur Verfügung stehen. Und die muss man dann ja auch erstmal tragen.

Immer wieder hat in der Vergangenheit Dürre besonders im Norden von Äthiopien zu großen Hungersnöten geführt. Ich schaue mir die Familie an, der ich gegenübersitze. Ich bin die Größte unter ihnen, die jungen Frauen sehen wie Kinder aus und alle wirken deutlich jünger als Deutsche in vergleichbarem Alter. Außer die Eltern, die wirken älter. Man merkt den Menschen die Mangelernährung an.

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Die Definition von Luxus ist hier eine andere

Auch viele andere Dinge, die wir als selbstverständlich erachten fehlen im Haushalt komplett, Betten zum Beispiel oder ein Kleiderschrank. Aber wer ein, oder höchstens zwei Kleidungsstücke besitzt, braucht eben auch keinen Schrank dafür.

In Deutschland spüren wir langsam die ersten Folgen des Klimawandels, in Äthiopien treffe ich zum ersten Mal Menschen, deren Leben und Heimat direkt durch den Klimawandel betroffen und bedroht wird. „Morgen gehen wir auf die Felder, dann kannst du dir anschauen, wo das Teff angebaut wird“, erklärt mir der Sohn der Familie. Ich bin gespannt – mehr erfahren Sie im nächsten Blogbeitrag.

Injera, das äthiopische Brot