Wie viel Baumwolle ist viel?

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Liebe Leserinnen und Leser,

heute wollen wir mit einer kleinen Rechenaufgabe starten. Welche Zahl ist höher: 0,45 Prozent oder 85 Prozent? „Natürlich 85 Prozent“ werden Sie antworten. Und damit haben Sie natürlich Recht.

Oder doch nicht?

Angenommen Ihr Konto weist eine Summe von 100 Euro auf und Sie zahlen 85 Prozent dieser Summe ein. Bedeutet also, dass Sie 85 Euro benötigen. Beträgt Ihr Kontostand hingegen 1 Million Euro und Sie zahlen davon 0,45 Prozent ein, müssen Sie 4.500 Euro in die Hand nehmen. Wer hat jetzt mehr eingezahlt?

Sie haben es wahrscheinlich längst erraten. Entscheidend sind nicht nur die relativen Zahlen, sondern auch die absoluten: Die Ausgangswerte. Warum erzählen wir Ihnen das alles?

Anfang dieser Woche hat das Textilbündnis die Maßnahmenpläne der einzelnen Unternehmen veröffentlicht. Eine Kennziffer: Der Anteil von nachhaltig beschaffter Baumwolle.

Dazu heißt es dann in der Presse: „Die Billigkette KiK etwa will den Anteil der nachhaltigen Baumwolle in ihren Textilien auf gerade mal 0,45 Prozent heben. Auf der anderen Seite steht der Otto-Konzern, der den Anteil nachhaltiger Baumwolle dieses Jahr von 78 auf 85 Prozent steigern will.“

Der unbedarfte Leser denkt natürlich sofort: 0,45 Prozent? Das ist aber wenig! KiK tut ja gar nichts in diesem Bereich. Und dann erinnern wir uns an das Rechenbeispiel oben.

Denn die Wahrheit ist, wie so oft im Leben, vielschichtiger.

Wenn wir den Anteil an nachhaltiger Baumwolle auf 0,45 Prozent steigern, bedeutet dies eine Erhöhung von 14 Tonnen nachhaltiger Baumwolle auf 151 Tonnen. Oder konkret: Von 150.000 Stück auf 2 Millionen Stück.

Um es in Prozentangaben auszudrücken: Wir steigern uns von 0,02 Prozent auf 0,45 Prozent. Das ist eine Erhöhung um 1000 Prozent.

Diese Stückzahlen müssen erst einmal beschafft werden. Aus diesem Grund kann sich selbst hinter einer kleinen Zahl von 0,45 Prozent eine große Menge verbergen. Es kommt eben auf die insgesamt betrachtete Menge an, den Ausgangswert.

Ja, mit Zahlen lassen sich viele Botschaften vermitteln. Aus diesem Grund sind sie bei Journalisten auch so beliebt. Sie ermöglichen Vergleiche, wirken glaubwürdig und werden nur selten in Frage gestellt.

Sie, liebe Leser, wissen es ja nun besser. Auf den Blickwinkel kommt es an.